Gesprächssplitter als bruchstückhafte Zusammenfassung im Stile der Campesinos:[1]

 

„Bisher starteten wir keine pastoralen Aktivitäten und Initiativen, sondern wir wollten erst abwarten, was passiert. Denn die gesamte Pastoral sollte angeblich von den Pfarrern neu organisiert werden. Neue Katecheten sollen herangebildet werden, die dann mit den Pfarrern arbeiten sollen. Der Bischof sagt, dass in der Vergangenheit auf dem Land nichts getan wurde, noch nicht einmal beten hätten wir gelernt und erstrecht haben wir nicht den Leuten weitergegeben, was wir gelernt haben. Die Menschen auf dem Land könnten noch nicht einmal das Kreuzzeichen machen. Wir übten Zurückhaltung, um den Neuen eine Chance zu geben. Doch nichts passierte, es gab keine Aktivitäten auf dem Land. Aus Respekt vor den Befehlen der Pfarrer hielten wir uns zurück, denn sie hatten uns verboten, uns in kirchliche Dinge einzumischen, denn wir hätten keinen Auftrag und seien nicht würdig. Aber dadurch gingen die pastoralen Aktivitäten stark zurück, vieles drohte auseinander zu fallen. Deswegen ist es nun höchste Zeit, etwas zu unternehmen. Wir geben uns nun den Namen ‚animadores cristianos’. Wir nennen uns nicht mehr Katecheten, weil wir die Pfarrer nicht provozieren wollen. Die neuen Katecheten sollen einen Ausweis der Pfarrei bekommen und nur wer einen Ausweis hat, darf als Katechet tätig sein.

Unser Plan für die nächste Zeit ist, eine Pastoral für die Jugend (Pastoral juvenil) und die Ronda neu zu entwickeln (Pastoral rondera). Viele Schüler z.B. von der Campesinoschule ‚Alcides Vásquez’ wissen nicht mehr, was die alten Katecheten alles gemacht haben, wie alles entstanden ist und was der Ausgangspunkt und das Ziel unseres Einsatzes als Christen ist. Auch in der Ronda muss immer wieder an den Grund erinnert werden, denn einige junge Ronderos fragen sich, warum sie sich die Nacht um die Ohren schlagen sollen, wo es doch keine Viehdiebe mehr gibt und alles gut organisiert ist. Es bedarf einer Erziehung, damit die Jungen verstehen und begreifen und damit es weiter gehen kann. Würde man aufhören, würde alles wieder wie früher werden.

 

Vor einer Woche, am 15. 11., gab es eine große Asamblea mit über 200 Frauen aus 60 Gruppen. Es gibt sehr unterschiedliche Gruppen mit verschiedenen Schwerpunkten (Kredite, Mütterklubs, andere Gruppen, die mehr auf Pastoral hin orientiert sind etc.). Aber alle Gruppen arbeiten im Prinzip so weiter, wie wir vorher gearbeitet haben. Immer geht es sowohl um materielle als auch geistliche Dinge. Solche allgemeinen Versammlungen halten wir regelmäßig ab und ohne dass uns dabei jemand hilft. Besonders die Frauen arbeiten sehr selbstständig. Sie haben es einerseits etwas leichter, weil die Priester sie mehr in Ruhe lassen als die alten Katecheten, andererseits sind sie aber mehr erpressbar, weil sie von den Nahrungsmittelhilfen ausgeschlossen sind. Darunter leiden besonders junge Mütter mit kleinen Kindern. Alle Frauen, die in unseren Gruppen arbeiten, werden von dieser Hilfe ausgeschlossen. Deshalb gibt es einige Frauen, die bei uns nicht mehr mitmachen wollen, aber die meisten machen mit und lassen sich nicht abhalten. Die größte Gefahr für die Gruppen ist die Nahrungsmittelpolitik der Regierung im Verein mit der Pfarrei. Dadurch gibt es Spaltung. Es gibt 17 neue Gruppen in der Pfarrei (Männer und Frauen, aber getrennt) die von den Pfarrern gegründet wurden. Das Hauptthema ihrer Versammlungen ist das Apostolat des Gebetes. Man spricht nicht mehr von Ungerechtigkeit und nicht mehr von der Gefahr durch die Minen.

Die Mine sagt übrigens, dass sich die Leute aus Cajamarca keine Sorgen machen brauchen, denn die Abwasser und Gifte werden Richtung Bambamarca umgeleitet. Was ist schon ein Campesinoleben wert? In San Miguel wurde auf dem Treffen aller Rondas des Departements der Beschluss gefasst, eine nationale Demonstration aller Rondas gegen die Minen zu organisieren. Es ist nicht gerecht, dass die Kirche nichts gegen diesen Missbrauch durch die Mine sagt. Der Bischof sagt, wir dürfen uns nicht in die Politik einmischen und etwas gegen die Mine sagen, aber er weiht neue Anlagen der Mine ein und segnet sie. Wenn wir etwas gegen die Mine sagen, dann gilt das als Ungehorsam und als Sünde.

 

Unsere Rondas sind weiterhin sehr stark. Aber wir haben immer noch Schwierigkeiten mit der Justiz und staatlichen Stellen. Der Hauptanklagepunkt ist immer noch derselbe: Schaffen einer parallelen Organisation zur Regierung und Anmaßung von Rechten, die allein dem Staat zustehen. Aber was sollen wir machen, wenn uns der Staat nicht schützt, sondern eher auf der Seite der Räuber ist? Doch wir sind gewappnet. Gegen dieses Argument des Staates half, zu wissen, was die Organisation der Comunidad bedeutet, die schon viel älter als die Ronda ist und die aus dem Kampf um Land und gegen die Hazienda ausgegangen ist. Das von der Regierung dann zugestandene Recht auf Eigentum und dessen Schutz kann so auch auf die Ronda angewandt werden. Die Erfahrung des Kampfes um Land war eine gutes Fundament für die Organisation der späteren Ronda. Denn sie schützt das uns von der Verfassung garantierte Recht auf Eigentum. Ohne diese vorhergehende Erfahrung der Comunidades im Kampf für ein Stück Land, hätte es keine Ronda gegeben. Die Campesinos aus Chala waren sogar im Palast der Justiz, um ihr Recht auf Land auf der Basis der Verfassung und uralter Rechte der Comunidades einzufordern (1971). Die rechtliche Begründung der Ronda hat ihre Wurzel im vom Großgrundbesitzer aufgestelltem Schutz seines Eigentums. Dieses Recht haben die Campesinos später dann auch für sich reklamiert. Der eigentliche Grund für die Existenz der Ronda lautet: Wie Gerechtigkeit herstellen? Das Ziel ist die Versöhnung und die Übereinkunft, d.h. Frieden zu schaffen zwischen den unterschiedlichen Interessen. Diesen Frieden kann es aber nur geben, wenn es Gerechtigkeit gibt.

Das größte Problem ist, dass wir keine Unterstützung des Bischofs haben, im Gegenteil. Früher war unser Bischof ein starker Beschützer und er hat uns oft aus der Patsche geholfen. Aber dieser von heute hilft uns nicht, sondern er macht uns noch mehr Schwierigkeiten und steckt mit den Behörden unter einer Decke. Deshalb können die Behörden mit Leichtigkeit sagen, wir seien illegal, weil nicht einmal die Kirche uns anerkennt.

 

Als wir die Genossenschaft zusammen mit Bartolini gründeten, hatten wir viele Hoffnungen. Nach dem Beispiel der Apostel haben wir uns zusammengeschlossen. Denn in gemeinsamer Arbeit wollten wir einen Gewinn erzielen, damit wir unsere Weiterbildung finanzieren können. Natürlich war auch wichtig, dadurch billiger einkaufen zu können. In der Genossenschaft gab es dann aber die meisten Rückfälle. Einzelne verfolgten sehr egoistische Ziele, die Löhne für alle Mitarbeiter wurden immer höher und der Gewinn reichte dann kaum für die Bezahlung der Löhne, also blieb nicht viel übrig. Zuletzt  hatte die Genossenschaft 22 Angestellte, viel zu viele. Denn einige haben sich nur eingeschmeichelt, um ein bequemes Leben führen zu können. Einige verlangten Löhne wie Profesionales. Es kam zu merkwürdigen Verlusten: zweimal wurde der Lastwagen an der Küste ausgeraubt, mit großen Geldsummen, die fast den Erlös eines Jahres ausmachten. Wir zweifeln bis heute, ob der Lastwagen wirklich überfallen wurde, doch es gab keine Aufklärung. Einige Male wurde der Lastwagen aber wirklich überfallen, die Reifen zerstochen etc. Das waren die Leute der Stadt, die nicht wollten, dass wir unsere Produkte selbstständig vermarkten. Von allen diesen Schlägen haben wir uns nicht mehr erholt. Zudem organisierten sich die Zwischenhändler und unterboten zeitweise die Preise der Kooperative. Auch hatten die Pfarrer kein Interesse mehr (nach 1978), während Padre Rudi (Eichenlaub) vorher zwar sich um vieles kümmerte, aber nicht die Leute hinauswarf, die immer nur mehr Geld wollten. Er traute sich nicht Campesinos hinauszuwerfen, denn er hatte eine zu hohe Meinung von uns. Das heißt aber, es gab keine Autorität. Denn das Hauptproblem bei allen gemeinsamen Sachen und Aufgaben ist, dass wir Campesinos manchmal jemanden brauchen, der eine unumstrittene Autorität hat, der uns in den Hintern tritt und der uns antreibt.

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass es einige Personen gibt, die uns helfen - nicht materiell, sondern die uns Mut machen und falls notwendig auch korrigieren. Auch wir möchten anderen mit unseren Erfahrungen helfen und ihnen beistehen, z.B. unseren Brüdern in San Marcos und anderswo, von denen wir wissen, dass sie auch allein gelassen worden sind. Warum gibt es keine Kurse auf Diözesanebene mehr? Wir würden gerne mit anderen zusammentreffen, um gemeinsam stärker zu werden und uns um gemeinsam besser gegen die Übergriffe der Autoritäten und auch des Bischofs wehren zu können.

 

Der Despertar verschwand auch, weil neue Radiosender immer einflussreicher wurden. Im Bezug auf eine Neuauflage des Despertar oder eines Faltblattes für die Rondas unter dem Namen „Boletín rondero“ fürchten wir, dass es auch so sein wird. Denn die Leute hören heute noch mehr Radio als damals. Die Leute können und wollen nicht mehr lesen. Aber welche Medien werden uns angeboten? Welche Inhalte? Die Medieninhalte machen uns noch passiver, lenken ab. Wenn die Leute nicht mehr lesen und schreiben wollen, können sie auch nicht mehr ihre Meinung ausdrücken, haben keine Stimmen mehr. Die Kleinpresse hätte dagegen mehr Chancen, die Leute mit ihren Problemen zu erreichen. Auch deren Inhalte würden in den Comunidades mehr aufgenommen und akzeptiert, es ist ein den Umständen angemessener Weg. Denn die eigene Presse würde die eigene Realität widerspiegeln und die Wahrheit ausdrücken. Die offizielle Presse und Radios sind voller Lügen; die Kleinpresse würde in Gemeinschaft gelesen werden. wir müssen den Jugendlichen eine Alternative präsentieren.

 

Zur Rolle der Priester: Bartolini selbst hatte keine konkrete Idee, als er hier ankam, er hat einfach etwas gemacht. Er wollte zu den Campesinos gehen. Auf jeden Fall haben alle gemerkt, dass zum ersten Mal die Campesinos eine Rolle spielten. Und diese haben gleich reagiert und teilgenommen. Der Streit um 1990 mit den Priestern und unter den Priestern war bis dahin das größte Problem. Als sie sich öffentlich auf der Straße verprügelten, mussten die Katecheten den Bischof bitten, eine Lösung zu suchen. Seit daher stehen wir Katecheten von Bambamarca im Ruf, die Priester nicht zu mögen und keine Pfarrer mehr haben zu wollen. Bischof Simón nimmt das als ständiges Argument gegen uns.

 

Bei der Ankunft von Juan Medcalf, Rudi Eichenlaub etc. waren die Campesinos schon als Katecheten akzeptiert, vorher war es sehr schwer. Vor allem mit der Hilfe Dammerts wurden die Katecheten anerkannt. Durch die Arbeit der Priester erhielten wir eine pastorale Verantwortung, sie vertrauten uns und trauten uns etwas zu. Heute aber haben wir keinen Wert mehr. Aber wir haben erkannt, dass der Laie das Fundament ist, auf dem die Arbeit auf dem Land beruht. Die neuen Katecheten erkennen nicht, dass sie eigentlich gar keine Verantwortung haben. Es scheint, dass wir in die Zeit von 1950 und der Hazienda zurückkehren: immer nur beten, geistliche Exerzitien, wo wir unsere Sünden öffentlich bekennen müssen, hinknien.  Auch die Ronda interessiert nicht mehr, sie gilt sogar als Teufelswerk. Das ist wie bei dem alten Pfarrer Zárate, nur Sakramente, das war damals genau gleich wie heute, es geschah nichts: nicht einmischen in Politik, keine Veränderung, nur beten für den Himmel. Aber nachdem wir so viel gelernt haben, können wir angesichts der Verhältnisse nicht immer nur beten. Wir haben mehr gelernt, als dass wir uns jetzt als Kinder behandeln lassen müssen. Noch nicht einmal um die Gesundheit unserer Kinder dürfen wir uns kümmern, denn deren Schicksal liegt allein Gottes Hand und wir können nur beten. 

Es gibt einen Unterschied zwischen ausländischen und peruanischen Priestern (seit 1978). Die Peruaner opfern sich nicht auf. Die Ausländer sind zu Fuß bis an den Marañón gelaufen, sie greifen auch nach Schaufel und Besen und machen ihre Hände dreckig. Wir Peruaner tun das nicht, wenn wir es uns leisten können, nur wenn man uns zwingt. Die Ausländer waren offener, sie hatten mehr Spiritualität und weniger Liebe zu materiellen Dingen. Dennoch haben sie uns gelehrt, dass der Mensch nicht nur eine Seele hat, sondern auch einen Magen. Wenn wir nur beten, gibt es keine Lösung. Unsere Krankheit besteht darin, wenn wir etwas haben und es uns leisten können, suchen wir ein paar Dumme, die für uns arbeiten. Dadurch besteht die Gefahr, dass die gemeinsame Arbeit in der Comunidad zerstört wird. Dies ist besonders an der Küste so. Vorher dachten wir, was können wir schon machen, wenn so viel Missbrauch besteht, das liegt nicht in unserer Macht und uns bleibt nur als Trost das Gebet. Aber dank der ausländischen Priester und Mitarbeiter sind wir gewachsen, haben unsere Fähigkeiten entdeckt. Ihre Hauptaufgabe sahen sie darin, den Campesinos die Augen öffnen. Die ‚Theologie der Konservierung’ dagegen will uns lehren, dass wir von den Reichen abhängig sein müssen - das sei unsere Bestimmung.

 

Bartolini wollte auch etwa Neues. Seine Methode war aber, dass er dies mit Zucker und Peitsche tat. Er züchtigte sogar die Leute und für die Leute war das neu, denn er gab ihnen dann auch zu essen, lernte sie neue Lieder und neue Sachen. Er war so streng, weil er wollte, dass die Campesinos Fortschritte machten. Das gefiel den Leuten. Wenn sie vorher z.B. von einem Polizisten oder dem Grundbesitzer gezüchtigt wurden, dann geschah dies aus Diskriminierung und das war demütigend für uns. Bei Bartolini aber spürten wir, dass er unser Bestes will und wenn er zürnte wussten wir, dass er es tat, weil wir ihm so viel bedeuteten. Er trank mit uns auch den selbst gemachten Schnaps aus den gleichen Flaschen. Schon Bartolini und seine Gefährten mussten schlimmste Verleumdungen der Städter erdulden. So sagte man auch, dass sie Kinder mit einer Taubstummen hätten, weil eine Taubstumme nichts erzählen kann. Sie hätten auch eine Glocke gestohlen etc.

 

Mit den Ausländern kam eine neue Methode. Sie machten die begonnene Arbeit weiter, aber sie schlugen nicht mehr die Leute, sondern lebten auf einer Stufe mit ihnen. Sie öffneten den Campesinos die Tür in die Kirche, sie übergaben ihnen die Verantwortung für die Bibel, für die Gottesdienste und die Taufe. Sie unterstützten auch die Campesinos gegen den Missbrauch der Autoritäten (Bartolini nicht direkt). So lernten die Campesinos, dass beide Sachen zusammen gehörten: die Religion und die Gerechtigkeit bzw. der Kampf gegen die Ungerechtigkeit.

 

Jorge López und die anderen danach, die noch jünger waren, respektierten uns nicht mehr so sehr, sie sprachen uns mit Du an und wollten alles besser wissen, obwohl sie neu hier waren. Das hat Abwehrhaltungen in uns provoziert. Hier bei uns behandelt man den Mitmenschen entsprechend seines Alters und seiner Erfahrungen und nicht seiner Studien. Es gab auch eine Änderung darin, dass z.B. Jorge López im Pfarrgemeinderat seine Meinung aufzwängte und der Pfarrgemeinderat schwieg und stimmte zu. Zuerst dachten wir, das sei nur vorübergehend, denn wir wussten, dass der Padre (und sein Begleiter) ein Freund unseres Bischofs war. Doch sie wollten uns nur ihre Ideen aufzwingen. Einmal wollten sie auch den Consejo parroquial in ein grupo parroquial umwandeln. Der Unterschied nämlich war, dass in der Grupo der Pfarrer der Vorsitzende ist, während im Consejo der Vorsitzende gewählt wird. Auch Rolando Estela wollte ein Komitee, in dem der Pfarrer allein bestimmt, statt des Pfarrgemeinderates. Concepción und andere blieben aus Protest zwei Jahre von der Pfarrei fern, auch einige Kurse fielen aus, weil die Katecheten nicht mehr teilnehmen wollten. Auch die Pfarrer müssen ihre Arbeit entsprechend den Dokumenten der Kirche machen! Neptalí sagte zu Rolando Estela, dass sie sich von ihm nicht das nehmen lassen, was sie bisher gelernt  haben. Wenn er unsere Arbeit nicht akzeptieren will oder kann, soll er woanders hingehen. Er hat sich geärgert, aber nach einiger Zeit hat er uns um Verzeihung gebeten. Rolando: Entschuldigung, denn ich habe nicht gemerkt, welche Arbeit ihr geleistet habt. Man konnte sich mit ihnen dann gut verständigen. Die Ausländer haben uns aber mehr Freiheit gegeben, sie haben uns mehr zugemutet, mehr Verantwortung übergeben und sie hatten mehr Vertrauen in unsere Fähigkeiten. Jeder hat einen unvergleichlichen Wert und ein Recht, das ihm niemand nehmen kann. Sie ließen nie eine Überlegenheit fühlen. Priester und Laie waren völlig gleich, nicht unbedingt in Kenntnissen etc., aber an Respekt und Würde. Aber die anderen sagten (seit 1989), dass der Priester allein Respekt verdient, denn er ist geweiht und wir aber haben nichts Göttliches in uns. Und heute ist es noch schlimmer. Aber mit den anderen konnten wir wenigstens noch darüber reden, mit denen von heute aber gar nichts mehr. Sie bieten uns Dinge an, wenn wir im Gegenzug darauf verzichten, Ansprüche zu stellen.

Es war eine schöne Zeit, als wir für drei Jahre ein Komitee waren (1991 - 1993), wo wir die Pfarrei allein leiteten. Nur die Pfarrverweser aus Porcón machten Ärger, aber Gott sei Dank waren sie nur wenig in Bambamarca. Aber auch da wurden wir von außen kritisiert, dass wir uns der Pfarrei bemächtigt hätten.

1991, nach dem Streit unter den Priestern, haben wir unseren Bischof gebeten, uns Padre Alois zu schicken, doch dieser wollte nicht nach Bambamarca. Der Bischof schickte dann Marco Rodríguez. Diesen mussten wir aber bald zurecht weisen: ‚Junge, wenn dein Kopf so voller neuer Ideen ist, dann geh woanders hin, um deine Ideen auszukotzen, gehe dahin, wo noch nichts ist, wo noch viel Arbeit für ein Priester ist, aber nicht zu uns, wo wir eine neue Art von Kirche haben. Glaubst du, unser Bischof hat uns etwas Falsches gelehrt? Wir werden weiterhin respektieren, was er uns gelehrt hat. Alberto Osorio sagte dasselbe zu Marco Rodríguez, z.B. dass dieser Junge einfach Nepta oder Cande etc. sagt, ohne den geringsten Respekt, wo doch diese viel mehr Erfahrung haben und älter sind.

 

Unsere Organisation, sei es als Kirche, sei es die Ronda, hat ihr Gewicht. In anderen Teilen der Diözese wurde inzwischen vieles zerstört, z.B. in San Marcos. Wenn wir woanders hinkommen, fragen sie uns um Rat wegen der Pastoralarbeit und der Ronda. Bambamarca hat einen Ruf, bei manchen auch einen negativen, z. B. dass wir Kommunisten seien. In San Marcos gibt es keine Katecheten mehr, zumindest keine wie früher, sondern als Diener der Pfarrer; alles haben sie zerstört. Die Ronda aber gibt uns weiterhin Kraft, vor allem aber die Lehren, die uns Bischof Dammert und einige Priester gelehrt haben. Diese Verantwortung hat uns die Reife gegeben, damit wir jetzt weitermachen können - und das lebt noch.

Das Wichtigste war die Freiheit, die uns die Priester aus Europa gegeben haben; z.B. haben wir uns versammelt, wenn es für uns am besten war und niemals haben sie uns gefragt, wieso wir uns versammeln, ohne um Erlaubnis gefragt zu haben. Aber Rolando wollte dies nicht erlauben: Wieso versammelt ihr euch, obwohl ich nicht dabei sein kann? Wir antworteten:  Sind wir vielleicht eure Kinder? Wir versammeln uns immer, seit Jahren, und besprechen unsere Arbeit, Pläne etc. Wenn Sie nicht da sein können, sollen wir deswegen zu Hause bleiben? Anschließend werden wir Sie informieren, wo liegt das Problem?

 

Heute sagen sie uns, dass allein der Pfarrer sagen darf, was gemacht werden darf. Und einige Leute in der Comunidad sagen auch, dass wir nur tun dürfen, was uns der Pfarrer befohlen hat. Welche Vorraussetzung hat aber ein solcher Pfarrer, dass er in einer Comunidad etwas sagen kann? In Bolívar (Pfarrei San Miguel)  kam es zur Trennung zwischen den Katecheten: einige waren für die Stadt (Pfarrer) und andere für das Land. Der Bischof hat den Landkatecheten verboten, sich Katecheten zu nennen, deshalb nennen sie sich ‚Gruppe der christlichen Campesinos’. Sie gehen auch nicht mehr in die Stadt und ins Pfarrhaus. Sie treffen sich auf dem Land, halten dort ihre Versammlungen und Gottesdienste ab, usw. Sie sollen exkommuniziert werden. Man müsste sie unterstützen und sie besuchen. Das DAS soll sie zu Kursen einladen, auch die Katecheten. Auch wir wären bereit, die Leute zu besuchen und zu ermutigen. Der Pfarrer von Niepos verbot den Katecheten des Landes, sich weiterhin ‚grupo pastoral’ zu nennen und sie haben sich dann auch umgenannt in das Komitee der Gruppe der christlichen Campesinos. Der Pfarrer hat sie aber ständig belästigt und gewarnt, sich nicht mehr zu versammeln. Doch sie antworteten ihm, dass ihnen der Pfarrer nichts mehr zu sagen habe und dass sie  weiter machen würden. Nun sollen sie exkommuniziert werden.

 

In unserer Pfarrei gibt es neue Bedingungen: Jede Frauengruppe, die Nahrungsmittel erhalten will, muss zwei neue Katechetinnen (mit Ausweis, Nachweis eines retiro etc.) vorweisen können. Es soll 32 Frauen geben, die Katechetinnen werden sollen. Es gibt bereits eine Gruppe von 16 Katecheten. Sie müssen einen Kurs von drei Tagen mitmachen, dann werden sie zu Katecheten ernannt und bekommen einen Ausweis. Diese neuen Katecheten wollen nicht mit uns sprechen und sie tun auch sonst nicht. Als die Pfarrer sagten, dass ab jetzt alles anders sein werde, antworteten wir Katecheten: also werden wir allein weitermachen und eines Tages werden wir wieder einen richtigen Pfarrer und einen richtigen Bischof haben. Wir sind es, die der Kirche treu bleiben und wir können nicht vergessen, was man uns gelehrt hat, nur weil es jetzt einigen nicht mehr passt. Was machen die Neuen denn? Sie verfolgen nur ihre eigenen Interessen.[2]

 

Warum ist in anderen Pfarreien nicht so viel entstanden, wie in Bambamarca?  Weil wir, wie uns manchmal vorgeworfen wird, von Bischof Dammert bevorzugt wurden. Hier wurde mehr gearbeitet und ist mehr entstanden als in anderen Regionen. Als wir in Cajamarca z. B. einen Kurs für Katecheten hatten, kamen aus allen Regionen Katecheten, aber warum blieb an anderen Orten nicht so viel? Auch der Terrorismus spielt sicher eine Rolle. Ein anderer Grund ist, dass hier in Bambamarca viele, die später Katecheten wurden, bereits vorher in Organisationen mitgearbeitet hatten, gelernt hatten, sich zu organisieren, durchaus aus christlichen Motiven, dass sie aber erst danach Katecheten wurden und so ihre ganze Erfahrungen einbringen konnten. Sie waren politisch geschult. In anderen Stellen geschah dies nicht. In anderen Stellen war es auch so, dass es immer der Pfarrer war, der die Erlaubnis geben musste etc. Er gab die Rezepte, an die sich alle halten mussten. Vor allem aber gab es in der Diözese nur wenige Pfarrer, die wirklich mit den Campesinos arbeiten wollten. Hier dagegen waren die Leute viel besser eigenständig ausgebildet. Hier hatten wir auch von Bischof Dammert ausgewählte Pfarrer, an anderen Stellen gab es zu viele konservative Pfarrer, oder wenn es zwei waren, immer ein konservativer und ein neuer. Und die beiden haben sich dann immer bekämpft oder der eine den anderen ausgenutzt. Dammert hat Bambamarca eindeutig bevorzugt, er hat sein Herzensblut hier gelassen. Es gab einfach nicht genügend Priester, die in der Lage waren, so etwas wie in Bambamarca anzustoßen und zu begleiten. Und ohne Anstoß, ohne Ausbildung der Leute etc., erwarten die Leute vom Priester immer wieder das alte gewohnte Verhalten: Prozessionen, Segnungen, Heiligenfeste usw. Wie sollten sie auch anders, wenn sie es nie anders erfahren haben? Und viele Pfarrer wollten nicht auf den Bischof hören und machten so weiter wie immer.

Wie ist es aber möglich, dass heute immer noch so viele Leute zum Pfarrer gehen und um ein Brot betteln und dass die Pfarrer und die Kirche sich damit zufrieden geben, manchmal ein Almosen zu geben? Anstatt ein für alle Mal eine Lösung anzustreben, die dauerhaft ist und die es ermöglicht, eine Situation zu schaffen, wo niemand mehr um Brot betteln muss. Warum vergeudet die Kirche so viel Zeit mit unnützen Dingen? Wir wollen nicht mehr, dass sie uns eine Handvoll zu essen geben. Wie lange wird das reichen?  Wie lange werden wir so von der Gnade der Pfarrer und Mächtigen abhängig sein? Viel wichtiger wäre als erster Schritt, dass der, der einige Kenntnisse hat, diese weitergibt, das wäre viel wertvoller als eine Hand voll Mais. Statt dessen will man die Leute mit einigen Säcken Reis beruhigen und man benutzt die Lebensmittel, um die Leute zur Beichte zu zwingen und zur Teilnahme an den Kursen der Bewegung ‚Johannes XXIII’. Man hat uns alten Katecheten sogar angeboten, die Leitung dieser Kurse zu übernehmen. Sie boten uns auch an, alle Unkosten zu bezahlen und darüber hinaus ein Taschengeld. Denn sie hatten sonst ja keine Leute, sie waren schließlich verwirrt und sie glaubten, weil die Verkünder der ‚gottlosen Theologie der Befreiung’ inzwischen vom Glauben abgefallen oder gestorben sind, nun die alten Katecheten wieder auf den rechten Weg zurückfinden würden. Sie haben gedacht, wenn unsere ‚Führer’ verschwunden sind, würden wir bald wieder sein wie früher und würden in die Kirche zurückkehren, so wie sie eben Kirche verstehen. So versuchen sie, immer mehr Leute in den Kursen zu versammeln, sie machen ihnen Angst, erzählen von der Hölle, zwingen sie zur Beichte - und am Ende kehren die Leute weinend und gedemütigt nach Hause zurück, weil man ihnen gesagt hat, für so viele Sünder sei kein Platz mehr im Himmel, nur für einige Auserwählte. Aber wenn sie immer wieder kommen, werden sie eines Tages auch zu den Auserwählten zählen. Es dürfen auch keine eigenen Fürbitten gelesen werden, sondern nur von den Pfarrern vorbereitete Zettel. Doch so ein Theater ist für Kinder, nicht aber für uns.

 

Und was sollen wir diesen neuen Pfarren denn beichten? Wir haben nichts gestohlen und niemanden umgebracht - oder ist die Tatsache, dass wir in dieser Welt leben schon eine Sünde? Die Pfarrer sollen doch zu diesen Verbrechern gehen, die stehlen, rauben, totschlagen, die unsere Flüsse vergiften, die sollen ihnen beichten, warum gehen sie nicht zu denen“?

 



[1] Am 22. 11. 1999 traf ich mich in Bambamarca mit dem Rat der alten Katecheten und Vertreterinnen der Frauengruppen. Das Gespräch dauerte sechs Stunden, unterbrochen von einem gemeinsamen Essen. Alle waren auf die Thematik „Rückblick und Ausblick auf die Pastoralarbeit in Bambamarca“ vorbereitet. Ich habe die Gespräche aufgezeichnet, alle wussten, dass das Gespräch für die Studie, die sie auch als ihre Studie ansehen, wichtig ist und dass die Ergebnisse veröffentlich werden können. Die Widergabe dieses Gespräches geschieht in der Form einer redaktionellen Bearbeitung und Zusammenfassung, aber in dem Bemühen die Redeweise der Campesinos nicht ganz zu unterdrücken. Das Gespräch war nicht streng strukturiert und wurde von mir auch nicht geleitet. Viele bereits angesprochenen Themen kommen daher noch einmal auf eine neue Art und Weise und in einem anderen Kontext - und oft unvermittelt - zur Sprache. Genau dies ist auch so beabsichtigt.

[2] Einschub meinerseits in das Gespräch: Erklärung über Umfragen in deutschen Partnergemeinden, die alle sagen, dass sie ein Option für die Armen wollen, eine Kirche mit Poncho und Sombrero usw… Wenn die Katecheten und alle kirchlichen Gruppen von Bambamarca Kontakt zu diesen Gemeinden haben und umgekehrt, so ist das ein offizieller Kontakt zu der Kirche. Diese Gruppen in Bambamarca sind nicht nur Kirche von ihrem eigenen Selbstverständnis her, sondern auch deshalb, weil sie von anderen kirchlichen Gruppen als Kirche anerkannt werden. Denn bei den deutschen Gruppen handelt es sich nicht um irgendeine Gruppe von Sektierern etc., sondern sie handeln im Auftrag der Gemeinde und sogar der Diözese. Es ist die offizielle Kirche, die eine Partnerschaft mit den Katecheten und den bisherigen kirchlichen Gruppen in den einzelnen Pfarreien von Cajamarca will. Deshalb können sich die Katecheten und die Gruppen hier auch katholisch und Kirche nennen, denn sie sind über die Partnerschaft auch konstitutiver Bestandteil der weltweiten, der katholischen Kirche.